Restaurant Story – London – 31.08.2013

Wo gibt es eine produktorientierte Küche? Wo ist das Ausgehen zum Essen eher locker denn steif? Wo lassen sich frischester Fisch und allerlei lokale Meeresfrüchte genießen? 

Die Antwort auf diese Fragen lautet nicht „am Mittelmeer“, sondern England, das Land, über das wir durchaus einige (kulinarische) Vorurteile hörten, wenn wir unser diesjähriges Urlaubsziel für knapp drei Wochen nannten. Lamm mit Minzsauce, Pies, üppige Mahlzeiten zum Frühstück, verkochtes Gemüse, Fish & Chips – um nur einige der Dinge zu nennen, die mit dem vermeintlich schlechten Essen Englands gleichgesetzt werden.

Das einzige „Vorurteil“, das wir bestätigt fanden, war die ausgesprochene Höflichkeit, die uns allerorten entgegenschlug. Die vermeintliche Abneigung oder Skepsis Deutschen gegenüber ist in den letzten zehn Jahren eher Interesse, ja leichter Bewunderung, Stichwort Berlin, Stichwort Bundesliga, gewichen.

Auch beim Wetter: Von 19 Urlaubstagen regnete es an nur drei Tagen. Nur ein Tag war aufgrund des Wetters völlig unbrauchbar, um sich außerhalb geschlossener Räume aufzuhalten.  

In chronologischer Reihenolge wird es hier also eine kleine UK-Serie geben. Vom einfachen Pub mit Real Ale und herzhaftem Essen, über Gastropubs mit Stern, bis hin zum angeblich besten Fischkoch des Königreichs. 

Die Commis des Cuisine hatte sich diesmal tatkräftig an der Planung des Abendprogramms durch das Suchen und Finden interessanter kulinarischer Adressen in London, der ersten Station der Reise, verdient gemacht. Besonders hilfreich erschienen uns neben dem Guide MichelinTime Out, Urbanspoon und das Blog vom kritischen Ehepaar.

So kam es dann, daß wir unbedingt einen Tisch im Restaurant  Story buchen wollten. Das erst seit dem Frühjahr geöffnete Restaurant ist klein und angesagt, besonders auch bei Foodies, so daß es pures Glück war, einen Tisch für Samstagabend, unseren ersten Tag in London, buchen zu können. 

Der 26-jährige Küchenchef Tom Sellers hat Stationen wie das Per Se in New York und das Noma in Kopenhagen in seinem Lebenslauf stehen. Dort hat er gekocht und nicht nur hospitiert. Skandinavien – hinsichtlich der holzig-schlichten, aber angenehmen Einrichtung, und René Redzepi – hinsichtlich des Küchenstils, haben merklich ihre Spuren hinterlassen.

Der Name Story rührt zum einen daher, daß jedes Gericht eine Geschichte erzählen soll (was im Verlauf des Abends nicht immer ganz so deutlich wird), zum anderen von den Büchern, die in Regalen und auf dem Tisch, als Speisekartenhalter, vorhanden sind. Der Gast wird bei der Reservierung gebeten, selbst ein Buch, inklusive Begründung, warum gerade dieses, mitzubringen. Ok, also dann ein deutsches Buch. Eins, von dem man sich trennen mag, das aber (Achtung: interessante Story, kontrovers und Berlin-Bezug) trotzdem Coolness austrahlt: Axolotl Roadkill von Helene Hegemann. 

Draußen vor dem Restaurant steht ein Green Egg, ein aktuelles Statussymbol von Köchen. Dieses sieht man als erstes, wenn man das etwas abseits gelegene Holzhaus nach überqueren der Tower Bridge erst einmal gefunden hat. Das Restaurantgebäude hätten wir so in einer Stadt mit explosiven Immobilienpreisen nicht erwartet. Ebenso überrascht das Gedränge in der offenen Küche, wo anscheinend für jeden der zehn Gänge ein Koch angestellt ist. Auch der Service ist vielbeinig und sehr international, dabei äußerst freundlich. Es geht los mit einem Feuerwerk von Küchengrüßen. Anschließend folgen zehn kleine Gänge und zwei Petit fours.

1. Bread and dripping – Die Schmalzkerze:  Rinderschmalz, Brot, Rettich, Hähnchen und Gin. Witziger Gag, daß die Kerze, die seit Beginn auf dem Tisch steht und tropft auf einmal zum ersten Gang wird. Die Geschichte dazu ist, daß in einer Zeit vor der Glühbirne Kerzen aus Rinderfett hergestellt wurden.
2. Onion and apricot – Geschmorte Zwiebel, Zwiebelbouillon, Zwiepüree, Aprikose. Süß, sauer, salzig, schmeckte wie die Essenz von Omas Stippen. Feiner Zwiebelgeschmack. Schmeckte nicht so bitter wie die verkohlten Stellen befürchten lassen. Klasse!
3. Scallops, cucumber and dill ash – Marinierte Jakobsmuscheln, Gurke, Holunderblütenessig und Dill-Asche. Fein, aber nach dem vorherigen Feuerwerk sehr mild.
4. Mackerel and carrots – Makrelentatar, Karotte, Karottenketchup, Liebstöckel und Liebstöckelblüte. Das Tatar war etwas zu gering gegenüber den anderen Komponenten portioniert.
5. Heritage potato, turnip and coal – Reichhaltiges, köstliches Kartoffelpüree mit Rübe und brauner Butter mit Kohl.
6. Beetroot, raspberry and horseradish – Marinierte Rote Beete, Meerrettichschnee, Himbeeren. Großartig. Ein altes Gericht, eine Geschmackserinnerung sollte hier aufgegriffen werden. Rote Beete wird uns auf unserer Tour zu unserer Freude noch häufiger begegnen.
7. Veal, apple, peas and thyme – Da half auch das Green Egg nicht, das Fleisch war etwas zäh. Vegetabile Noten durch die Erben und ihre Sprossen, dazu Apfelpürre, Apfel und Thymian. Insgesamt okay.
8. Almond and dill – Dill-Eisschnee, Dill-Öl, Mandelcreme und -eis. Sehr gute Kombination.
9. Prune tea, lovage and milk – Backpflaume, Liebstöckeleis und Milchhaut. Besonders hervorzuheben ist das Eis.
10. Wild berries, chocolate and buttermilk – Sieht aus wie Chaos auf dem Teller, war aber vorzüglich. Buttermilchschnee, verschiedene Schokoladen geraspelt, die schmeckten wie Schoko Crossies und Schwarze Johannisbeersorbet und verschiedene Beeren.

Das Essen startete mit einem Story Fizz (Champagner, Sugar, Orange Bitters). ‘Theodora“ 2012 von Gut Oggau, Neusiedlersee, Burgenland, Österreich begleitete das Essen. Zum Dessert durfte es noch ein Süßwein, „Marie Kattalin“ 2010 der Domaine de Souch, Jurancon, sein. Zum Abschluß spendierte unser netter portugiesischer Kellner noch einen Vinho de Carcavelos aus Produktion seiner Familie. Die Rechnung für stets nachgeschenktes Mineralwasser belief sich für den Abend auf zwei Pfund…

Für uns wenig überraschend, aber dennoch erfreulich und zurecht, wurde kurz nach unserer Rückkehr, am 26.09.2013, bekannt gegeben, daß das Story im Michelin Guide Great Britain & Ireland 2014 einen Stern erhält.

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