Das Buch zum Wein von Captain Cork

Weihnachten naht. Ich denke über Geschenke nach. Eine Idee ist schon da. Der Bruder interessiert sich seit einiger Zeit für Wein, seriösen Wein. Lieber Rotwein. Er definiert auch, was ihm gefällt: Der Vernatsch aus Südtirol zu schwach auf der Brust, ein Rioja schmeckte besser als der „unoaked“ Portugiese und besonders in die engere Auswahl kam ein „Black Print“ von Markus Schneider. Dieses zarte Pflänzchen Weinenthusiasmus will brüderlicherseits gepflegt und erweitert werden.

Natürlich hilft hier learning by drinking, aber ein wenig Theorie kann nicht schaden, sondern sogar das (Trink)Vergnügen steigern.

Da trifft es sich doch hervorragend, daß gerade zum Weihachtsgeschäft Captain Cork – Das ultimativ andere Weinbuch erscheint. Gerade hier erhoffe ich mir doch, daß alle Theorie nicht trocken ist, sondern so süffig und verständlich ist, daß sie Lust auf Lesen, Verstehen und vorallendingen auf ein Glas Wein macht.

Für diejenigen, dies es nicht wissen, Captain Cork ist  eine „die Wein-Tageszeitung im Netz“. Auf der kommerziellen Seite werden insbesondere Weine und Winzer vorgestellt und Restaurant- und ähnliche, relevante Themen angerissen. Durch die Artikel zieht sich der nautische Jargon: Männer auf´m Schiff mit einer Buddel voll Wein. Der Captain (Chefredakteur) ist der Fotograf, Autor und Winzer Manfred Klimek. Zusammen mit dem Publizisten und Blogger Rainer Balcerowiak hat er das kompakte Weinwerk verfaßt. Natürlich dürfen neben dem Captain und dem Lotsen auch  die Maate zu Wort kommen.

Soweit ist das Buch eine Weiterführung des online-Konzepts, bei dem man auch immer das Gefühl einer Männer-Schiffs-WG hat. Das ist zwar eine nette Vorstellung, aber natürlich soweit von der Realität entfernt wie Wien von Berlin. Die Sprache ist gewohnt locker und leicht verständlich. Den Tonfall und diese Art der Erzählung kennt Brüderchen noch nicht und findet er dann bestimmt noch originell – wird ihm gefallen!

Für Weinanfänger, aber auch Fortgeschrittene gibt es Momente der Schwellenangst. Das kann sein, wenn das erste Mal ein Winzer besucht wird, man einen Weinladen mit seinem mißmutigen, abschätzenden Inhaber betritt oder unvorbereitet in eine Facebook-Diskussion von Weinexperten gerät. Schon im Prolog und beim „Aufräumen mit Weinmythen“ kann der Novize sich rühren: So über Wein sprechen wie der Schnabel gewachsen ist und nicht jedem Gefasel vermeintlicher Experten Glauben schenken. Ein Buch ohne Besserwisser-Doktrin aber klarer Kante, dessen Meinung eine Landratte trotz aller formulierter Bestimmtheit nicht immer teilen muß.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, daß der Bruder sich beim Lesen ein Glas einschenkt. Man bekommt Durst beim Lesen. Gut, an einigen Stellen kann man sich Verschlucken. So ist der Jahrgangsführer überflüssig, da althergebracht und seit jeher pauschal. Beim Thema Wein und Essen geht es zu dogmatisch und verkürzt zu. Daß in gewissem Rahmen ein leichter Spätburgunder zu Fisch geht, ließe sich der Mannschaft in der Kombüse gewiß leicht beweisen. Mein brüderlicher Rat an dieser Stelle folgt dem Buch: Probieren geht über Studieren!

Hoffentlich ist der Wein im mittlerweile zweiten Glas nach schnell verschlungenen 70 Seiten nicht aufgrund einer vom Weinhandel gerne als Verkaufsargument benutzten Parker-Bewertung gekauft worden. Im Kapitel „Die Macht der Tester“ geht es besonders um den Amerikaner und seine Bewertungen. Hier ist ein wenig ein Spagat von Nöten gewesen, denn auch Captain Cork bewertet nach dem 100 Punkte-System (gerne in den 90er Punktzahlen) und hat, sicherlich in geringerem Umfang, Markteinfluß. Das zeigen Weinhändler, die mit Besprechungen von Captain Cork werben und sicherlich die eine oder andere Flasche Richtung Schiff zum Verkosten schwimmen lassen.

Weiter geht es in die deutschen Weinanbaugebiete. Das ist vor der Haustür. Sogar mein Bruder war schon einmal an der Ahr. Da kann es nicht schaden, Boden, Klima und Rebsorten zu verstehen. Über die Bezeichnung „Lecker Ahr“, „Lecker Baden“ usw. kann gleichsam mit der Auswahl der empfohlenen Winzer gestritten werden. In Württemberg fehlt doch das Weingut Beurer… Ernsthaft, die Empfehlungen sind in Ordnung, aber auch nicht originell für den Vieltrinker. Ja, trinken, da alle Welt nur noch zu verkosten scheint, ist die Devise des Buchs!

Zu diesem Zeitpunkt ist der kleine Bruder dann wahrscheinlich sternhagelvoll und wird das Buch erst einmal ein wenig zur Seite legen. Den Input muß er erst einmal verarbeiten. Beim nächsten Weinkauf wird er hoffentlich etwas individuelleres als die gut gemachten Markenweine aus dem Hause Schneider ins Weinregal legen oder direkt an die Mosel fahren und sich den Geschmack von Terroir durch Lecken an Schiefersteinen einprägen.

Danach lohnt es sich nachzuschlagen, was es in der Weinwelt sonst noch für Regionen und Weinstile gibt. Man bekommt ja immer mal die eine oder andere Flasche vom Älteren geschenkt. Die vorgestellten „weltbesten“ Winzer werden ihn nicht direkt interessieren. Über diese Auswahl können wir irgendwann mal diskutieren. Spannender ist für ihn schon eher, was Wein ist und wie Wein erzeugt wird, was er im Kapitel „Der Winzer im Weinberg“ lernen kann. Für ihn wahrscheinlich zu kurz kommt das Thema Rebsorten. So wie ich ihn kenne, springt er auf das Thema autochthone Rebsorten, zumal der Captain ihn damit erst heißgemacht hatte, an. Da muß ich dann wahrscheinlich zum Geburtstag mit drögerer Lektüre wie Wein – Die neue große Schule von Jens Priewe anrücken und doch langweilen.

Wenn das Buch dann hoffentlich schon viele Eselsohren hat, darf auch ich mal mehr als einen Blick riskieren. Je weiter das Lesen voranschreitet, desto spezifischer werden die Themen. Auch „Wein im Netz“ wird natürlich nicht ausgespart, sind wir doch alle so 2.0 oder schon weiter. Hier ist es dann ein wenig dünn und Roß und Reiter werden nicht beim Namen genannt. Klar, mit Flash-Sale-Seiten ist u.a. Wine in Black gemeint. Aber mit dem Gewinnerzielungszweck, den ich bei Captain Cork im Web einfach mal unterstelle, ist die Kritik an Bloggern zu pauschal und am Internetweinverkauf nicht völlig schlüssig. Gibt es doch genug Weinenthusiasten, die fern von kommerziellen Zwecken und Zwängen ihre Eindrücke notieren und mit anderen diskutieren.

Das Buch ist ein schönes Geschenk. Kluge Gedanken und ein anderer Blickwinkel auf Wein und Co verschieben manche Perspektive. Sogar ein wenig umfangreicher und ausführlicher hätte es sein dürfen, so spannend ist es.

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise vom GU-Verlag zur Verfügung gestellt.

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