Tradition mit Passion

Wir sind keine besonders große Familie. WIr haben auch keine großartigen Traditionen oder Rituale, abgesehen davon, daß mein Vater sonntags seine Mutter anruft und ich meine. So folgen auch die Abläufe an Heiligabend und Weihnachten keiner seit Jahrzehnten ewig gleichen Choreographie, geschweige denn einem immer gleichen kulinarischen Ablauf aus Kartoffelsalat und Würstchen, Karpfen oder einer Gans aus dem Ofen. Zu Geburtstagen gibt es auch nicht mehr Kaffee und Kuchen am Nachmittag oder am Abend Schnittchen und Flaschenbier – man trifft sich zum frühen Abendessen im Restaurant. Eigentlich gibt es nur einen Fixpunkt, an den ich mich von frühesten Kindesbeinen an erinnern kann: die Neujahrshörnchen, die mein Opa für die Familie backt.

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Ich war immer gerne bei meinen Großeltern. Klar, es gab ja auch Chips und Süßigkeiten, Malzbier von Pinkus Müller, Memory-Spielen mit Opa und natürlich liefen Fernsehsendungen, die ich bei meinen Eltern nie hätte gucken dürfen.

Dieses Jahr ist endlich die Gelegenheit gekommen, mich in die Geheimnisse des Hörnchenbackens nach überliefertem Rezept eingeweihen zu lassen. Die um den Backvorgang kreisenden Geschichten klingen seit Jahren respekteinflößend. Opa säße den ganzen Tag im Unterhemd in der Küche und das Kondenswasser liefe in Strömen die Scheiben herunter. Die Tür und auf gar keinen Fall das Fenster dürften geöffnet werden, da die Hörnchen ihre geschwünschte Knusprigkeit verlören und umgehend weich würden.

Daß die Hörnchen auch dieses Jahr wieder für die Familie gebacken werden, ist eine beachtiliche Leistung: meine Oma und mein Opa sind 89 Jahre alt. Mittlerweile gibt es auch Arbeitsteilung in der kleinen Küche. Oma rührt den Teig an und Opa übernimmt dann den Rest am Tisch. Natürlich uter kritischer Beobachtung seiner Gattin, mit der er seit 68 Jahren verheiratet ist.
Zwar kenne ich jetzt das Rezept; das heißt aber nicht, daß ich den Teig auch korrekt zubereiten kann. Statt Butter nimmt Oma Sanella (igitt Margarine!) und die Mengenangabe nicht nur der geheimen Zutat ist relativ. Das wird dann irgendwann mal ein spannnender Erstversuch.

Ber jetzt geht es los: Opa gibt einen Löffel, der eher eine Kelle der Größenordnung Kartoffellöffel ist, mittig auf das mittlerweile vorgeheizte und geölte Hörncheneisen und klappt es zu. Jetzt ist Warten, bis das Licht von Rot akkustisch untermalt, auf Grün  wechselt, angesagt. Das ist schon einmal nichts für Ungeduldige, geschätzt dauert die Herstellung eines einzigen Hörnchens eine Minute…

…und schon für diese paar Hörnchen braucht es seine Zeit und die Teigmenge hat sich sichtbar noch nicht reduziert. Und schon zum jetzigen Zeitpunkt läuft das Wasser die Scheibe herunter, Aber noch sitzt niemand im Unterhemd in der Küche.

Das Spezialwerkzeug liegt schon zum Rollen der Hörnchen bereit. Meine Google-Suche ergab, daß es sich bei ähnlichen Gerätschaften um ein Waffelhorn handelt. Aber hier werden keine waffelförmigen Hörnchen gebacken und das Stück Holz ist ein Unikat und stammt der Sage nach von einem Fleischklopfer. Irgendwie muß ich auch an einen Staffelstab denken.
Mit einer Gabel entnimmt dann der Mann am heißen Eisen flugs und routiniert auch nach zwölfmonatiger Backpause das hauchdünne und filigrane Teigstück…

…denn jetzt muß es schnell gehen. Wie ich später bei einigen Rollversuchen festelle, ist der Teig wirklich heiß, muß aber vorm Aushärten zügig verarbeitet werden. Die Hörnchenrolle plaziert Opa auf dem Teig und rollt ihn mit einer flüssigen Ein-Handbewegung darüber, bis er überlappt. Kurzes Abwarten und dann zieht der Bäcker das Holz heraus – et voilà, das Hörnchen ist fertig.

So geht das für Stunden und am Ende kommen 150 Exemplare der Teigware zusammen. Da wenige Tage zuvor schon der erste Durchgang stattfand, sind es am Ende um die 300 Hörnchen, die in Boxen und anderen Behältnissen verpackt bei den Familienmitgliedern landen oder direkt bei Oma und Opa (Mutti und Va, Ur-Oma und -Opa- undbedingt mit einem dicken Klecks Schlagsahne verspeist werden.

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