Ein Stern aus der Kiste

Beinahe wäre der Abend noch ins Wasser gefallen. Zumindest hatte ich kurzzeitig diese Bedenken beim kulinarischen Teil. Um kurz vor sieben Uhr klingelt das Telefon und am anderen Ende der Leitung druckst jemand herum. Er habe gerade mit dem Küchenchef gesprochen, bis Sieben schaffe er es nicht und ob um Acht auch noch in Ordnung wäre.  Ja, ist es und so klingelt es um kurz vor der vereinbarten Zeit an der Haustür. Mit Fahrradhelm auf dem Kopf und einer Isolierbox in den Händen eilt ein freundlicher junger Mann die Treppen zu unserer Wohnung hinauf.DSC_9756Es ist unsere vierte Bestellung bei Foodora. Und die erste, die nicht nur erfolgt, weil der heimische Herdheld unpässlich ist. Foodora, was ist denn das schon wieder? Zalando sagt den meisten etwas – allein schon durch den hysterischen Schrei im Werbesport. Der Online-Versandhändler für Schuhe und Mode notiert mittlerweile im MDAX und wurde vor acht Jahren mit Venture Capital von Rocket Internet, dem Inkubator der Samwer-Brüder gegründet. Wahrscheinlich ist Oliver Samwer auch der Einzige, der bei allen Beteiligungen und Firmengeflechten  (u.a. HelloFresh, Helpling, Westwing) noch den Durchblick behält, wenn er nicht gerade Motivationsmails verfasst, und weiß, wem oder wozu der Restaurant-Lieferdienst Foodora aktuell gehört.
Das Unternehmen wurde Ende 2014 unter dem Namen Volo gegründet.  Mit der Übernahme durch Rocket Internet im Frühjahr 2015 änderte sich der Name von Volo zu Foodora. Verbunden mit massiver Werbung in Form von Rabatten schaffte man einen zügigen Markteintritt und macht seitdem in neun Großstädten herkömmlichen Lieferdiensten Konkurrenz. Restaurants ohne eigene Logistik und Fahrer können darüber ihre Produkte an Kunden liefern lassen, die zuvor über die Foodora Website ihre Bestellungen platzierten. Das ist der Unterschied zu anderen Bestellplattformen, die eine Bestellung  nur an ein Restaurant oder Imbiss weiterreichen.
Die Auslieferung erfolgt umweltfreundlich durch Kuriere auf Fahrrädern; bei drei von vier Bestellungen war es auch bei unseren Lieferungen der Fall. Die Restaurants, deren Essen Foodora auf ihrer Plattform anbietet, sind in Düsseldorf durchaus ansprechend und angesagt und haben einen gehobenen Standard. Mittlerweile hat Rocket Internet Foodora schon wieder an Delivery Hero weitergereicht. Das Stichwort lautet internationale Expansion. Was für Zeiten!
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Warum also habe ich ohne Not – Kühlschrank voll, im Vollbesitz körperlicher und geistiger Kräfte – online Essen bestellt? Reine Neugierde: Vor ein paar Tagen hatte ich den Newsletter vom Restaurant Tafelspitz 1876 erhalten. Das ist eigentlich bei uns ums die Ecke und dennoch waren wir lange nicht mehr da. Das ist natürlich kein Restaurant für jeden Tag (1 Michelinstern, 16 GaultMillau-Punkte) und dann käme obenauf noch ein Babysitter. Da klang doch für einen netten Elternabend „Tafelspitz 1876 zu Hause genießen!!! Von Dienstag bis Donnerstag gibt es jetzt unser Nachbarschaftsmenü.“ ganz prima. Drei Gänge für 32,50 Euro zuzüglich 2,90 Euro Liefergebühr, das ist nicht günstig, aber den Spaß wert – denn, soweit mir bekannt, ist Daniel Dal-Ben somit der einzige Sternekoch, der sein Essen per Fahrrad ausliefern läßt. Ein Fall für eine neue Kategorie für den Guide Michelin: Eine Online-Bestellung wert?

DSC_9770Das Essen war gut verpackt. Das Dessert war bei Lieferung von den warmen Speisen separiert. Für die Optik habe ich den Inhalt der Becher und Schalen, soweit möglich, auf weißen Tellern angerichtet.

Die Hummerschaumsuppe mit Jakobsmuschelravioli ist noch richtig heiß, als ich sie vorsichtig vom Becher in den Suppenteller gieße. Der Teller ist randvoll und wir nach dem Auslöffeln beinahe auch. Das liegt zum einen an der schieren Menge, aber auch an der sahnig-buttrigen und geschmacklichen Üppigkeit der Crèmesuppe. Aber es schmeckt gut und exakt so, wie man es von einer klassischen Bisque erwartet: würzig intensiv, aber nicht plump salzig. Besonders gut gefällt uns, dass die Schalen nicht übertrieben stark angeröstet wurden und so nicht zuviel Bitteroten abgaben. Im Hintergrund schmeckt es, als wäre die Bisqué leicht tomatisiert worden. Äußerst gelungen sind die Ravioli, die mit recht bißfestem Teig und pointiertem Muschelgeschmack punkten. Gut.
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Die 15 Stunden geschmorte Ochsenbacke mit Rotweinjus, Spitzkohl und Kartoffelstampf hat das Team im Tafelspitz schon in der Lieferbox apart angerichet. So muß ich für den Teller nicht viel mehr als umsichtiges Hinüberlöffeln übernehmen. Mit vier dicken Scheiben Fleisch hat die Küche es auch mehr als gut gemeint, und auch die Sauce reicht für die Menge mehr als dicke. Recht dick und aromatisch dicht ist eben diese Sauce und dabei fast schmerzhaft konzentriert. Für die Konsistenz ist die Sauce nicht mit Butter angedickt, das wäre für den Transport schlecht; ich tippe auf Pfeilwurzelstärke oder Xanthan. Der etwas zu süßliche Geschmack lässt einen guten Ansatz aus Fleisch und vielen Zwiebeln erkennen, der Rotwein ist mit seiner Säure gut eingebunden. Das durchwachsene Muskelfleisch ist butterzart und saftig; offensichtlich hat es Dal-Ben vorm Garen gleicht gepökelt und außen scharf angebraten. Die Beilagen sind ordentlich, vielleicht ein wenig mächtig (Butter und Sahne!), und im Falle des Spitzkohl bei den Kohlnoten aromatisch etwas zu zurückgenommen. Insgesamt ausgezeichnet.DSC_9798Das Dessert essen wir dann doch aus der Verpackung. Zu fragil zum Umzutopfen. Dafür steht der leichte Vanilleschaum nach mittlerweile einer Stunde noch immer – Lecithin? Auch beim süßen Abschluss verlässt sich die Küche auf einen Klassiker: Valrhona-Schokoladenmousse mit Tahitivanillesoße, Himbeeren und Mandelkrokant. Wie schon zuvor ist das eine sichere Nummer und überzeugt dabei auf ganzer Linie. Sogar die frischen Himbeeren schmecken außerhalb jeglicher Beerenfrucht-Saison intensiv. Die Mousse ist schokoladig-kräftig und dabei locker-fluffig. Der leichte Crunch gibt dem Gericht genau die richtige Dosis Textur. Jetzt sind wir aber satt und glücklich!DSC_9808

Wie süß! Sogar Petits fours hat die Pâtisserie noch eingepackt. Für jeden gleich drei Stück, da gibt es keinen Streit. Heute aber eh nicht mehr: Die Macarons bleiben aber für den nächsten Tag übrig.

Ein Stern aus der Kiste, das hat durchaus funktioniert. Auf jeden Fall hatten wir das beste Essen, dass uns jemals ein Lieferdienst an die Tür brachte. Die vorherigen Erfahrungen waren auch nicht begeisternd: Pizza schmeckt gern nach nassem Pappkarton, Burger und Fritten werden weich und matschig, der Mexikaner läßt sein Essen offensichtlich aus einem Meter Höhe in die Verpackung fallen. Am besten funktioniert noch asiatisches Essen, wo eh schon alles außer dem Reis in Sauce vermischt ist.

Das Tafelspitz hat es nicht nur geschafft, das gelieferte Essen appetitlich erscheinen zu lassen, sondern auch berücksichtigt, dass manche Dinge nicht funktionieren würden. Kurzgebratenes Fleisch, glasig gegarter Fisch, schmelzende Zutaten oder knusprige und frittierte Elemente sind keine Option, weil sie im zeitlichen Verlauf nur leiden. Die Möglichkeiten, ein mehr als gutes Essen zu liefern, sind also begrenzt. Daraus hat man das beste gemacht. Auf Tellern angerichtet schmeckt das dann wie im Restaurant.

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