Bistro Fatal, Düsseldorf

Back to the roots – das gilt zunächst einmal für das heutige Format dieser Restaurantkritik bei Stef’s Table: keine Fotos, no pictures, pas des photos! Und im Weiteren, haben nicht Fotos im Food-Bereich zu große Bedeutung erlangt? Ist es nicht so, dass sich manchmal der Geschmack gar der Optik unterordnen muss, bewusst oder unbewusst? Dafür gibt kleine Helferlein, Stichwort Texturgeber, ob sie nun Basic Textur, Biozoon und nur Agar-Agar oder Gelatine heißen: sie sorgen oftmals für gutes Aussehen, kosten aber in meinen Augen Geschmack. Fleisch, Fisch und Gemüse wachsen schließlich auch nicht symmetrisch und man kann das in Form bringen gehörig übertreiben – die höchste Ausprägung sind rechteckige Fleischstücke. Und kann man von der Optik eines Gerichts auf den Geschmack schließen? Mitnichten, was hammergeil und appetitanregend aussieht, kann banal schmecken. Auf der anderen Seite kann ein Gericht überaus köstlich sein, obwohl es optisch erst einmal bescheiden daherkommt. Das Optimum ist natürlich erreicht, wenn beides zusammengeht und der der Optik geopferte Verschnitt zumindest noch sinnvoll in Brühen und Fonds wandert. In aller erster Linie geht es um den Geschmack. Auch ich muss mich immer wieder erinnern, mich nicht blenden zu lassen

Jetzt sind es reiner Zufall und Schicksal, dass gerade das jüngst in Düsseldorf-Flingern im ehemaligen Chat Noir eröffnete Bistro Fatal unbebildert bleibt. Die Erklärung ist banal. Wir mussten unsere Wohnung wegen schmutzintensiver Elektroarbeiten kurzzeitig gegen ein Hotelzimmer tauschen, die Kamera blieb staubgeschützt eingepackt zuhause und dafür hatten wir die beinahe zweijährige wilde Hilde im Schlepptau, die zwar gerne isst, aber nicht lange stillsitzen mag.

Und wenn einem trotz dieser kleinen häuslichen Widrigkeiten und einer ob des unruhigen Kindes zwischen elterlicher Scham und Trotz gegenüber den irritierten Blicken der Mit-Gäste changierenden Gefühlslage die Warmherzigkeit des Service entgegenschlägt und – noch viel wichtiger –  das Essen äußerst gut schmeckt, ist dies auch ohne Fotos der Erwähnung wert.

Französisch geht es zu. Das kommt in der Landeshauptstadt gut an, wie bereits hier, hier und hier erwähnt und wie es in diversen weiteren Lokalen praktiziert wird. Im Bistro Fatal sitzt der Gast im Stile eine Bistros an einfachen Tischen und Stühlen eng zusammen und fühlt sich in diesem dennoch klischeefreien Ambiente wohl. Die erfreulich übersichtliche Karte listet die typischen Klassiker an Kleinigkeiten wie Austern, Crévettes roses und das bekannte Sandwich-Pärchen Croque Monsieur und Madame auf, hinzu kommt noch eine Seite Empfehlungen, aus denen sich ein Menü zusammenstellen lässt. So oder so eine geeignete Grundlage für die wenigen, dafür umso besseren Weine, die direkt in trinkfreudiger 0,2 l-Menge im Glas oder flaschenweise auf den blanken Tisch kommen. Die Küche ist zum Gastraum teiloffen und so steht unsere Kleine also in Nullkommanix dem  sympathischen Küchenchef vis-à-vis .

Dass der Küchenchef einen bekannten Familiennamen hat, soll eigentlich nichts zur Sache tun. Alexandre Bourgueil kochte im Restaurant im Schiffchen unter seinem berühmt-berüchtigten Vater Jean-Claude, verschwand dann aber von zumindest meiner Bildfläche. Wichtiger ist, dass er mit seiner kulinarischen Ausbildung und Herkunft jetzt wieder zurück ist und sich auf bestem Niveau einem kulinarischen Teilaspekt seiner Heimat widmet.

Und was da aus der kleinen Küche kommt, ist eine äußerst freudige Angelegenheit. Die rosa gebratenen Kalbsnieren mit Senf-Jus, Kartoffelstampf und Salat sind fest und im Kern gerade so angegart. Bourgueil sagt, darauf angesprochen, er wolle „der Innerei die gleiche Wertschätzung wie einem Steak entgegenbringen und nicht tot garen“. Die Sauce basiert auf einer guten Reduktion und ist vornehm scharf gewürzt. Hier braucht es keine kaschierend cremige Sahnigkeit, ein fein säuerlicher Gegenpol ist da eher die herbe Blättermixtur. Fließend ergießt sich aus der französischen Boudin mit Sauerkraut und Kartoffelstampf die würzige Blut-Fleisch-Füllung über die proper-süffigen Begleiter. Dass die Haut ein wenig störrisch im Mund ist, stört da nicht weiter. Eigentlich ein Entrée, entpuppen sich die offenen Ravioli vom Bigorre-Schwein mit einem Kohlrabi-Ingwersalat als veritable Portion zwischen großer Schmorkunst und belüftend-raffinierter Gemüserohkost. Dazu passen wunderbar ein wohlgereifter, Botrytis geschwängerter Riesling des Nahe-Weinguts von Racknitz aus dem eigentlichen Problemjahrgang 2006 und ein in der Säure-Holz-Balance top austarierter Mâcon-Cruzille der Bio-Domaine Guillot-Broux.

Und weil das Essen dann neben betörendem Duft und herrlichem Geschmack auch noch mehr als passabel aussieht, wird demnächst der Babysitter gebucht. Hier müssen wir unbedingt wieder hin! Vielleicht mit der Kamera in der Hand und definitiv zum Essen!

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